Welche Taktik du für Fragerunden in der mündlichen Steuerberaterprüfung unbedingt kennen solltest
Und wie du aktiv Einfluss auf das Prüfungsgespräch nimmst, um dein Bestehen sicherzustellen
Im mündlichen Steuerberaterexamen wirst du nicht einfach „abgefragt“.
Du wirst geführt, beobachtet und eingeordnet. Mehrere Fragerunden, wechselnde fachliche Schwerpunkte, Prüfung im Kreis mit weiteren Kandidat*innen – all das erzeugt schnell das Gefühl:
Die Fragen sind komplex, die Zeit ist knapp und ich stehe ständig unter Druck.
Genau hier entscheidet sich, wer besteht und wer trotz guter Vorbereitung scheitert.
Die wichtigste Grundregel: Springe niemals direkt auf das Ergebnis
Einer der häufigsten – und folgenreichsten – Fehler in der mündlichen Steuerberaterprüfung ist dieser:
👉 Prüflinge versuchen, möglichst schnell das „richtige Ergebnis“ zu liefern.
Das wirkt logisch. Ist es aber nicht. Die Prüfungskommission interessiert sich nicht primär dafür, dass du ein Ergebnis kennst, sondern wie du dorthin gelangst.
Warum das Ergebnis allein gefährlich ist
Du kannst Details der Fragestellung überhören
Du nimmst Prüfer*innen die Möglichkeit, dich positiv „abzuholen“
Du wirkst hektisch oder unsauber in der Herleitung
Viel sicherer und deutlich besser bewertet, ist ein anderer Ansatz.
Die sichere Taktik: Immer mit den Basics beginnen
Wenn du eine Frage erhältst, starte niemals mit dem Ziel, sondern mit dem Weg:
Einordnung des Sachverhalts
Prüfungsschritte benennen
erste rechtliche Anknüpfungspunkte
Das hat mehrere Vorteile:
Du sammelst sofort sichere Punkte
Prüfer*innen sehen deine Struktur
Unterbrechungen werden zu deinem Vorteil
Konkretes Praxisbeispiel aus der Prüfung
Frage:
Ist die Bekanntgabe eines Einkommensteuerbescheids an den Erben wirksam, wenn der Steuerpflichtige verstorben ist? Sein Steuerberater hatte Jahrzehnte lang eine Empfangsvollmacht.
Viele Prüflinge springen reflexartig auf die Bekanntgabe nach § 122 AO, um ein schnelles Ergebnis zu präsentieren.
Besser und deutlich souveräner ist zum Beispiel:
Zunächst würde ich prüfen, ob die dem Steuerberater erteilte Vollmacht über den Tod hinaus wirksam geblieben ist.
Sehr häufig wirst du genau hier bereits unterbrochen und die Frage geht an den nächsten Prüfling.
👉 Ergebnis:
Du hast Struktur gezeigt, ohne dich festzulegen oder angreifbar zu machen.
Falls die Prüfung weiterläuft und du die konkrete Norm zur Vollmacht nicht parat hast, ist das kein Problem:
Du kannst ankündigen, im Gesetz nachzuschauen
Inhaltsverzeichnis und Stichwortsuche sind legitim
ein kurzer Hinweis auf deine digitale Suchlogik im Arbeitsalltag („Vollmacht AO“) zeigt Systemverständnis
Rückfragen sind kein Zeichen von Schwäche – sondern von Stärke
Ein weiterer unterschätzter Hebel sind gezielte Rückfragen an die Prüfer*innen.
Warum?
Mündliche Sachverhalte sind nie vollständig
dieselbe Ausgangsfrage kann bewusst in unterschiedliche Richtungen führen
Rückfragen zeigen Aufmerksamkeit, nicht Unsicherheit
Ein kurzer Klärungssatz wie:
Darf ich noch kurz nachfragen, ob es ein Erbe oder eine Erbengemeinschaft ist?
kann den gesamten Prüfungsverlauf verändern.

Dein zweiter großer Hebel: Aktives Mitdenken, auch wenn du nicht dran bist
Viele Prüflinge schalten gedanklich etwas ab, sobald ein Mitprüfling antwortet.
Das ist ein Fehler.
👉 Deine größte Denkzeit hast du, wenn der Ball gerade nicht bei dir liegt.
Nutze sie strategisch:
Überlege, welche angrenzenden Themen zu deinen Stärken zählen
Beobachte, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelt
plane mögliche Überleitungen
Beispiel für geschickte Gesprächslenkung
Im oben genannten Fall (Tod des Steuerpflichtigen):
Überleitung ins Erbrecht über die Gesamtrechtsnachfolge § 1922 BGB oder zur Erbengemeinschaft § 2032 BGB
kurzer Hinweis auf die Möglichkeit der Erbausschlagung § 1944 BGB
oder – wenn deine Stärke woanders liegt – Wechsel in die Umsatzsteuer
Zum Beispiel:
Durch die Gesamtrechtsnachfolge übernimmt der Erbe auch laufende steuerliche Pflichten, etwa im Bereich der Umsatzsteuervoranmeldungen.
👉 So lenkst du das Gespräch unauffällig in dein Kompetenzfeld.
Fachwissen allein reicht nicht – Abrufbarkeit entscheidet
Das beste Wissen nützt dir nichts, wenn du es am Prüfungstag nicht abrufen kannst. Die entscheidende Voraussetzung dafür ist mentale Frische. Sie sorgt für deine geistige Beweglichkeit, saubere Herleitungen sowie ruhige Reaktionen auf Rückfragen.
Ein starker Einstieg – insbesondere über den Kurzvortrag – setzt dabei die Marschrichtung für den gesamten Tag.
Intelligente Vorbereitung schlägt Selbstaufopferung
So wichtig die Vorbereitung auf das mündliche Examen ist – sie funktioniert nur mit dem richtigen Ausgleich.
Die zentralen Säulen sind insbesondere ausreichend Schlaf, bewusste Pausen inklusive Bewegung an der frischen Luft sowie Sport und/oder Meditation.
Gerade kurz vor der Prüfung wirkt es verlockend, jede Erholung zu streichen und „noch mehr zu lernen“. Das ist jedoch kontraproduktiv.
👉 Es geht nicht darum, dich aufzureiben, sondern dich in den optimalen Zustand zu bringen.
Oder anders gesagt: Du sollst nicht die Leidensgeschichte der schriftlichen Steuerberaterprüfung nachspielen, sondern im mental besten Zustand in die mündliche Steuerberaterprüfung gehen.